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11. August 2022

backstage heroes:
„Unser Job als Techniker ist es unauffällig zu sein. Das wurde uns während Corona zum Verhängnis“

Udo Lindenbergs Crewmembers reflektieren ihre Erfahrungen mit der Bürokratie und fehlender Wertschätzung / Krise in der Branche ist nicht vorbei – im Gegenteil

(München) Den Begriff „backstage heroes“ führte während der Corona-Pandemie Matthias Gibson, ehemaliger BMG-Ariola-Geschäftsführer und Manager von Peter Maffay, in die kulturpolitische Diskussion ein. Er meinte damit die vielen, oft hochqualifizierten Freiberufler, die eine aufwändige Kulturproduktion im Hintergrund erst möglich machen. „Unser Job als Techniker ist es unauffällig zu sein! Und genau das ist uns während Corona zum Verhängnis geworden, genau deswegen hatte uns niemand auf dem Schirm“, sagt Claus (49) und LED-Techniker in der Produktionscrew von Udo Lindenberg. Wer dennoch Anträge auf Hilfsgelder stellte, berichtet von unglaublichen Vorgängen und Abläufen im Kampf mit der Bürokratie. Wir konnten einige zufällig ausgewählte Betroffene bei der „Udopium-Live“-Produktion hinter den Kulissen befragen.

Udo Lindenbergs "Udopium-Live"-Produktion war 2022 mit 18 Sattelschleppern auf Tour
Die Produktion mit der Udo Lindenberg diesen Sommer rund zwei Monate auf umjubelter Tournee war, umfasste Equipment, das mit 18 Sattelschleppern transportiert wurde. Zusätzlich waren die rund 100 Produktionsmitarbeitende mit vier Nightlinern (Busse mit Ruhekojen), zwei Bandbussen und einem Bus für die Kindertruppe der Show unterwegs.

Alles hoch spezialisierte und qualifiziert Experten und Fachleute, die es schaffen einen gesamten Bühnenaufbau mit LED-Wänden, Lautsprechern, Lampen und zigtausenden von Einzelteilen wie ein großes Puzzle am frühen Morgen ab 6 Uhr in der Münchner Olympiahalle auf- und bis nachts um 3 Uhr wieder abzubauen - und so zu verstauen, dass das Ganze am nächsten Veranstaltungsort wiederholt werden kann. Von der logistischen Ablaufperfektion, der Flexibilität und Koordinationsfähigkeit dieser nochmals um weitere rund 100 örtliche Helfer verstärkten Truppe könnte jede Behörde lernen! Dann wäre mit Sicherheit auch die Corona-Krise in Deutschland besser bewältigt worden.

Alle Gesundheitsminister wären begeistert von der Disziplin bei der Udo Lindenberg-Produktion. Zur Ausrüstung gehört auch eine mobile PCR-Teststation. Wir kommen erst backstage in die Olympiahalle, nachdem vor Ort der PCR-Test negativ ist. Ansonsten werden alle in der Truppe täglich mit Schnelltests gecheckt und laufen von früh bis spät mit FFP2-Maske umher. Nach freien Tagen oder Abwesenheit aus der Crew, kommt man nur mit negativem PCR-Test wieder zur Truppe. Es ist ein Leben wie in einer Hygieneblase – von Mai bis Juli, wochentags und am Wochenende.

Lindenberg-Crew bei "Udopium" mit eigenem PCR-Testlabor auf Tour
Diese Menschen nehmen für ihren Beruf immense Strapazen auf sich. Alle lieben ihren Job. Dafür brennen sie. Aber Politik und deutsche Bürokratie zeichneten während der Pandemie dafür verantwortlich, dass etliche Menschen die Branche ausgebrannt verlassen haben. Auch Selbstmorde sind durch die Medien bekannt geworden.

Bürokratie unvorbereitet und heillos überfordert

„Ich war plötzlich arbeitslos, beziehungslos, wohnungslos und perspektivlos!“ sagt Marcus (61) und Stagemanager. Er wollte mit 60 aufhören und die Stadiontour von Udo Lindenberg, der 2021 damit auch sein 75. Lebensjahr gefeiert hätte, sollte der Schlusspunkt sein. Stattdessen musste er viele seiner Rücklagen aufbrauchen und jetzt zudem weiterarbeiten. „Am meisten ärgert mich persönlich, dass man mich quasi als Verbrecher hingestellt und das Gefühl vermittelt hat, ich würde den Staat betrügen“. Er, der in den letzten Jahrzehnten in Deutschland, Europa und der ganzen Welt mit Stars wie Falco, Wolfgang Ambros, OPUS, Gianna Nannini, Peter Maffay, Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen, PUR u.v.m. unterwegs war, hat in dieser Zeit in Deutschland erhebliche Steuern bezahlt. Für diese Weltstars war er honoriger und zuverlässiger Partner – geschäftlich, sowie als Mensch. „Aber für die deutsche Bürokratie wurde ich im Krisenausnahmefall zum potentiellen Verbrecher, der sich ein paar Euros erschleichen wollte.“ Marcus redet von dem Krisenwerkzeug, das die Politik „vereinfachte Grundsicherung“ genannt und fast als paradiesische Metapher gepriesen hat, wie andere das Hartz IV-Level umschreiben.

„Ich war ja nicht arbeitslos, weil ich einen schlechten Job für einen meiner Künstler abgeliefert hätte“, fährt er fort. „Meine Arbeitsleistung ist immer 150 Prozent“ sagt er, der enorme auch sicherheitstechnische Verantwortung trägt, wenn viele der rund 200 Menschen die in der Halle buchstäblich beim Aufbau „wuseln“, zu koordinieren sind. Flexibilität ist eine der größten Herausforderungen in der Veranstaltungsbranche. Das hätte er auch von der Verwaltung erwartet, mit der er während Corona in Konflikt geriet. Flexibilität, Praxis- und Menschennähe hat er von der Bürokratie aber nicht zurückbekommen. Es gab Probleme, weil er bis Corona bei seiner Freundin wohnte, während sein Sohn mit Partnerin in seiner Wohnung blieb. Nach der Trennung gab es Differenzen bei der Berechnung des Wohngeldes. Es dauerte Monate, bis er endlich eine, dann auch teurere, Wohnung fand: „Man kann sich in einer Großstadt ja ganz toll bewerben – als selbständiger Arbeitsloser in der Veranstaltungsbranche“, so sein sarkastisches Fazit. Die Bürokratie wollte weder seine Argumente hören noch sich sachlich damit auseinandersetzen und zahlte nur anteilig. Er war dann froh, als es nach einem weiteren halben Jahr endlich Soloselbständigenhilfe gab.

Gefangen im "Staatsversagen"

Fast noch krasser erging es Klaus (53), Gitarrentechniker seit 1998. Den Job macht er seit Jahrzehnten für „zwei große alte Herren der deutschen Popgeschichte“ und vor Corona hatte er damit über 200 Tage im Jahr gut zu tun. Einer ist Udo Lindenberg. Auch Klaus hat seine Familie in einer Großstadt zu ernähren und auch ihm habe die Grundsicherung „einen echten Strich durch die Rechnung gemacht“. Weil die Politik zu lange inaktiv war, hat er angefangen in einem Musikfachgeschäft auf 450 €-Basis zu arbeiten. Später hat er dieses Einkommen dem Jobcenter zur Berechnung seines Bedarfes mit angegeben. Und war der Meinung, dass das in die Berechnung mit eingeflossen sei. Unlängst bekam er die Quittung und man will jetzt für 15 Monate jeweils 450 € von ihm wieder zurückhaben. Weil sich eine „Verwaltung scheinbar nie verrechnet“, liegt das ganze jetzt beim Anwalt. Sein Fall zeigt auch exemplarisch, wie ein unsensibles Bürokratieverhalten bei den Menschen, die eigentlich volle Auftragsbücher hatten und fern jeder Hartz IV-Mentalität lebten, zu Verbitterung führen kann. Hier hat das selbst von der Politik benutzte Wort von „Staatsversagen“ seine Berechtigung bewiesen.

Udo Lindenberg
Er bedauert, jemals ein Hilfsprogramm in Anspruch genommen zu haben, findet den Begriff der „unbürokratischen Hilfe“ einen Hohn. Erst im Interview mit uns erfährt er, dass es in der gleichen Verwaltung einen sehr engagierten Künstlerdienst des Jobcenters gegeben hätte. Das hat ihm die Verwaltung aber nicht kommuniziert.

Bürokratie unterirdisch

Bühnenbauer Alex (48) hat es gleich doppelt heftig erwischt. Die Frage, wie es ihm ergangen ist, beantwortet er deftig: „Beschissen wäre noch geprahlt!“ Seine Frau arbeitet im gleichen Gewerbe, ist bei ihm angestellt und versorgt daheim gerade die beiden gemeinsamen kleinen Kinder im Vorschulalter, während er mit Udo Lindenberg unterwegs ist. In wenigen Wochen tauschen sie die Rollen. Dann ist seine Frau mit PUR unterwegs und er betreut die Kids.

Dieses Anstellungsverhältnis kickte ihn schon mal aus der Soloselbständigenhilfe. Er teilt damit auch das Schicksal anderer berühmter Fernsehkabarettisten, die ihre Frau z.B. für die Betreuung der Online-Auftritte angestellt hatten und deshalb nicht in das von Bürokratieköpfen erdachte Förderschema passten.

Udopium-Bühne
Alex angefressen: „Früher wurde ich mal gefragt, was das Schlimmste sei, das mir passieren könnte. Da dachte ich noch, dass mir mal vielleicht jemand mein Werkzeug für 15.000 € klauen könnte“. Um ernüchternd fortzufahren: „Aber Corona und die unrealistischen Hilfen für die Veranstaltungsbranche haben das um ein Vielfaches überstiegen“.

Erschwerend kam bei ihm hinzu, dass er während der Pandemie in ein anderes Bundeslang umgezogen ist. Bis die Bürokratie Akten im Digitalzeitalter transferiert, ist für ihn als Logistik-Crack unfassbar. Er konnte nur überleben, weil er seine für die Alterssicherung gedachten 75.000 € Rücklagen für den Fortbestand des Gewerbes und die Bedarfe der Familie aufbrauchen, oder in seinen Worten „verplempern“ musste.

Die deutsche Bürokratie war mit dieser Spezies Mensch aus der Veranstaltungsbranche völlig überfordert. Dass da Menschen mit vollen Auftragsbüchern vor einem möglicherweise schlecht bezahlten Verwaltungsangestellten saßen, offenbarte sich schon früh als Dilemma im Vakuum von Arbeitslosigkeit und Berufsausübungsverbot. Ob der Quantitätsfaktor mit ursächlich für den Qualitätsverlust der Bürokratie wurde, ließe nur den Spekulationen freien Lauf und wäre eigentlich eine Aufgabe für die Bürokratieabbaubeauftragten allerorten.

Und Alex berichtet von einem anderen Kuriosum, einem „fast schon verdeckten Anruf“ der Bürokratie. O-Ton gerafft: Man habe den sozialen Medien entnommen, dass Künstler jetzt (Anm.: Januar 2022) ihre Mitarbeiter unterstützen oder anstellen würden. Zudem sei die Branche Anfang 2022 doch wieder im Aufwind und der Hilfebedarf damit doch obsolet geworden. Im Internetzeitalter sind Erwachsene allseits angehalten ihren Kindern zu erklären, dass man nicht alles auf Social Media glauben dürfe. Und dann kommt eine deutsche Behörde und plappert ungeprüft etwas daraus nach. Augenscheinlich bezog man sich auf eine der Größen im deutschen Rockgeschäft, der aber hauptsächlich sein Büropersonal weiterbeschäftigt hatte. Als Unbedarfter im Verwaltungsdickicht weiß ein Antragsteller aber nicht, dass so ein Behördenverhalten bestens geeignet ist für eine Dienst- bzw. Fachaufsichtsbeschwerde um sich zu wehren.

Jobwechsel statt Bürokratiekampf

Stattdessen hat das Image der Behördenrepressionen und Rückforderungen dazu beigetragen gar keine Hilfsanträge zu stellen. LED-Techniker Claus: „Ich weiß von vielen, die lieber nichts beantragt hatten, um nichts falsch zu machen, weil es unheimlich kompliziert war.“ Er selbst ist relativ glimpflich durch Corona gekommen, da er noch für einen anderen Künstler arbeitet, der eine Fernsehsendung hat und somit die Beschäftigung nicht komplett auf null gefallen ist.

Udopium-Bühne 2022
Anders Johannes (34), Veranstaltungstechniker. Er hat zu Pandemiebeginn zunächst in einer Zimmerei gejobbt und sich später als technischer Leiter eines Impfzentrums seiner süddeutschen Heimatstadt über Wasser gehalten. Hier kam er über sein ehrenamtliches THW-Engagement rein und als sich herausstellte, dass für die Zulassung eines Impfzentrums in der Halle eine Fachkraft für Veranstaltungstechnik erforderlich war, fiel die Wahl auf ihn. Zumal er die Hallenlogistik von Konzerten, die er mit betreut hatte, schon kannte.

Er berichtet aber auch von „vielen Ex-Kollegen, die während Corona in die Elektrobranche abgewandert sind und jetzt Elektroladesäulen für Autos aufbauen“. Von zahlreichen hätte er gespiegelt bekommen, dass die wohl nicht mehr in den Tourbetrieb zurückkämen. Denn sie haben die Annehmlichkeiten erkannt, regelmäßige Arbeitszeiten zu haben, sowie abends und an Wochenenden daheim bei der Familie sein zu können. Alex: „Die brennen nach wie vor für den Musikjob, aber hier fehlt ihnen die Sicherheit des Einkommens, wenn die Politik die Soloselbständigen bei der nächsten erwartbaren Notlage wieder im Bürokratiedschungel hängen lasse.“

Kabarettistin Birgit S. und Musiker Dieter W. hatten während der Pandemie sogar via Social Media vom Treffen mit einem Landeskunstminister berichtet, der den anwesenden Kreativen statt dem Kulturberuf lieber den Wechsel in den Lehrerjob empfohlen hatte. Denn dort gäbe es einen enormen Bedarf. Kultur können man dann ja nebenbei weiterbetreiben. Bei so viel Fachkompetenz und politischem Support braucht sich dann nach zwei Jahren niemand mehr über Personalmangel in der Kulturbranche zu wundern.

„Model Österreich“ in Deutschland chancenlos?

Dabei ist der Politik längst eine konkrete Alternative bekannt. So wird in der Branche ein in Österreich erfolgreich praktiziertes Modell (www.svs.at) konstruktiv diskutiert, das neben Sozialversicherungen auch eine „Arbeitslosenversicherung für Gewerbetreibende und Neue Selbständige“ umgesetzt hat. Alex: Wenn es ein solches Modell auch in Deutschland gäbe, bin ich sicher, dass 80 bis 90 Prozent aus unserer Branche sagen würden, sie zahlen in so etwas ein.“ Aber die Hoffnung, dass deutsche Politik so etwas umsetzen will und wird, ist realistisch gering. Deutsche Politik mache hier einen sehr schlechten Job, so die Unisono-Meinung. Seit Jahren gibt es die Forderung nach Übernahme des österreichischen Modells für Freiberufler. Seit Jahren tut sich nichts, was sicherlich auch in der Heterogenität der Vielzahl betroffener Berufe begründet liegt. Corona scheint daran nichts geändert zu haben.

Fehlende Wertschätzung gegenüber Kulturberufen

Die Betroffenen führen das im Gespräch auch auf die ihnen durchwegs begegnete fehlende Wertschätzung von Politik und Behörden zurück. Menschen aus Politik und Behörden gingen ebenfalls gerne zu fantastischen Kulturevents, so die Techniker. Wer das baut und ermöglicht, sei aber vielen egal. Alex sieht die Ursache auch in Vorurteilen: „Gerade uns im Touring begegnet man vielfach mit Vorurteilen, als wären da nur koksende Typen unterwegs“. Was aber „völliger Quatsch“ sei, denn „das geht bei der Verantwortung gar nicht, die wir haben“, und verweist darauf, dass alleine dutzende Tonnen Ausrüstung in der Halle unter die Decke gehängt werden müssten, unter denen Menschen stehen. „Wir sind eine Riesenbranche, die von der Politik missachtet wird“ sagt Alex und würde zum gegenseitigen Verständnis „auch einem Markus Söder Helm und Sicherheitsschuhe anbieten, um mitzuarbeiten und zu sehen, was wir hier leisten und wie penibel wir hier alle arbeiten, damit sich jede und jeder sicher fühlen kann“. Markus Söder habe „gerade noch das richtige Alter für uns“. Er „sieht fit aus und wenn er keine zwei linken Hände“ habe, könne er sofort hospitieren.

Autokinos ein Schuss ins Knie, weil Politik geblendet

Marcus weist final auch noch auf Fehler der Branche hin: „Autokino-Konzerte waren für mich das falscheste Signal an die Politik“. Fehlender Entertainmentcharakter sei noch das geringere Übel gewesen, „aber die Politik hat geglaubt in der Kultur geht wieder etwas; mit dem Rückschluss, sich nicht mehr um die Probleme der Branche kümmern zu müssen“. Hier sei die Situation in der Anfangsphase der Pandemie vergleichbar mit dem Sommer 2022, wo viele kleinere Veranstaltungen um das Überleben kämpfen oder gar nicht stattfinden, während die Politik sage, dass es ja wieder tolle Festivals gegeben habe. Unter die Decke blicke da keiner, weil das der Politik Arbeit und Geld kosten würde. Das sei fatal und deswegen ist die Branche auch noch längst nicht über den Berg. Und es wird noch eine Herausforderung, ob beispielsweise ein Markus Söder zu seinem Wort steht, die Kulturbranche und ihre Mitwirkenden „bis Pandemie-Ende“ zu unterstützen.

Zur Bilderstrecke Udo Lindenberg (zum Galerieende scrollen)


18. Juni 2022

LIEBE – IN EINER MAGISCHEN NACHT
„Die Toten Hosen“ zum 40jährigen im Münchner Olympiastadion / „Donots“ und „Feine Sahne Fischfilet“ als Support

Wenn der Mensch älter wird, reflektiert er ab und an die zurückgelegte Wegstrecke. Jubiläen sind ein besonderer Kick für solche Momente. Meistens gibt es dann auch Kuchen und Torten. Und Erinnerungen! Schöne meist mehr! Und solche hatten „Die Toten Hosen“ zu Hauf in einst nie gedachten 40 Bandjahren ins Album geklebt. Apropos geklebt! Der Schweiß klebte bei 34 Grad im Münchner Olympiastadion jeden saugfähigen Fetzen Klamotten und Haarstränen an den Feierbody. Was für eine Nacht in Bayern! Welcher Schwall an Emotionen! Was für Fontänen an Hymnen! Und natürlich 105prozentig ehrlich und überzeugend „Alles aus Liebe“. Liebe zu einer Band, die dieses Deutschland in diesen Jahren geprägt hat.

Auch ich erinnere mich. Es war der 26. Juli 1986, als „Die Toten Hosen“ mich ansprachen, nicht ich sie. Auf der Pressetribühne beim „Anti-WAAhnsinns-Festival in Burglengenfeld. Die Plattenfirma Virgin hatte irgendwann vorher Jutetaschen bei der Bemusterung verschickt. Die Kameratasche war voll, Kleinkram steckte in dieser Jutetasche. Und die Hosen fragten schüchtern, ob ich von Virgin sei. Es war ein spontaner Erstkontakt mit einem Gruppenbild, das man heute Selfie nennen würde. Und lustigen Bildern vom Aufbau ihres „Hosen-Hotels“ rechts von der Bühne. Am nächsten Morgen waren sie um 11 Uhr mein lautester Wecker im Fotograben – ever! Im Konzertfilm über das Festival ist eine meiner Favoritenszenen jene geblieben, als die Hosen erzählten, sie seien nach der Durchfahrtskontrolle bei der Polizei gleich nochmals umgekehrt und erneut durchgefahren, weil sie sich mit dem Einsatzleiter so gut verstanden hätten. Knutsch!

Auf die Nacht in München habe ich 40 Jahre gewartet. Zumindest die Emotionen in mir! Ein Chapeau insbesondere auch der Videodesignfirma, die im Background ein Gefühlsfeuerwerk nach dem anderen ablaufen ließ. So viel Sisyphus-Arbeit, so große Kunst! So viele Erinnerungen und Empathie zum Eintauchen. Und am besten nie wieder auftauchen! Suhlen und wohlfühlen! Hymne an Hymne! 30 Songs, die wie ein Gipfelspringen durch die Bandgeschichte Höhepunkt an Höhepunkt reihten. Mit Hooklines, die keine Chance ließen, sich nicht in den Chor einzureihen. Manche haben das den Hosen in 40 Jahren als Kommerzialisierung vorgeworfen. Leute, wie würde der Österreicher sagen: „Geht sch…“.  Zweieinhalb Stunden Hymnen für die Menschen! Melodien für Deutschland! Einzelne Titel aus dem Chorgefüge herauszuheben, hieße die anderen zu Unrecht nicht zu nennen.

Mit Südcholorit für Bayern und München und das emotional bebende Olympiastadion herauszuheben, wären aber „1000 gute Gründe“, mit einer imaginären Jodel-Hommage an die Freundschaft mit Gerhard Polt und den Wells. Oder die Kindheitsreminiszenz von Campino, als er ausführlich an die Badetage mit den Eltern am Klostersee (Seeoner See) erinnerte. Neu war, dass Campino mit seinem CDU-Dad lange vor der CSU in Kloster Seeon war. Und die Story von der Notbremsung im Bandbus am wiedergefundenen Ortsschild zum Seeoner See, war nur eine von vielen tollen Anekdoten aus vier Hosen-Jahrzehnten.  „Die Toten Hosen“ blickten zurück, ohne den Kopf zu wenden. Bei Vollgas, straight ahead!

Apropos Dad. Trotz aller endlos scheinenden Hymnen waren die eher leisen Momente fast die intensivsten. „Kamikaze“ war so ein Moment. Aber wie kein zweiter Song steht „Draußen vor der Tür“ für diese Zäsur. Er steht für die Reflexion der Vergänglichkeit, den Frieden mit dem einst unversöhnlich scheinenden Familienleben. Auch das Sich-Vergegenwärtigen, dass die Welt sich auch für einen punkigen Geist weiterdreht, wenn Campino erzählt, dass er seinen durch Kreuzberg ziehenden Sohn nur alle vier Wochen sieht, wenn überhaupt. Time flies! Geschichte und Geschichten wiederholen sich. Abnabelung ist elementar wichtig! Sie zu akzeptieren aber auch. Mit dazu beiträgt, der Rückblick auf 40 Jahre eigene Entwicklung. Und das haben „Die Toten Hosen“ mit dieser Jubiläumstour so was von genial auf die Bretter gestellt, dass jede Hymne im auch optischen Meer der Fanhände schwimmen und sich treiben lassen konnte.

Auch die Supports von „Donots“ und „Feine Sahne Fischfilet“ wurden frenetisch gefeiert. Im Kampf mit der brennenden Sonne legten die „Donots“ sogar gleich bei „Calling“ noch ein paar Grad Celsius on top drauf! Und ab „Wake The Dogs“ und „Dead Man Walking“ kannte der Strom an Schweißfluss keine Ufer mehr. „Feine Sahne Fischfilet“ antworteten auf die Temperaturen bei „Rausch“ gleich mit Bierdusche für die Kameras im Fotograben.

Eine Schlusshommage auch an jene, die oft vergessen werden. All die Hands, Secus und allen anderen Produktionsgewerke, die trotz dieser grenzwertigen Temperaturbelastungen ihre anstrengend Jobs wieder mit Leidenschaft machen. Sie haben den allergrößten Respekt verdient, weil ohne sie Tage wie dieser, um es mit den Hosen zu sagen, nie möglich wären.

Bernd Schweinar / www.allmusic.de

Die ganze Bilderstrecke am Ende des Archivs, mit vielen auch historischen Aufnahmen vergangener Gigs – und es sind noch so viele Jahre nicht digitalisiert in dieser Zeitreise:
https://www.allmusic.de/bildergalerie/die-toten-hosen

Die Bilderstrecken der „Donots“ und von „Feine Sahne Fischfilets“ gibt es später.


16. Juni 2022

DIE GROSSEN NETTEN JUNGS
„Die Ärzte“ im Münchner Olympiastadion / „Antilopen Gang“ als Support mit gutem Job

Beim letzten Aufeinandertreffen mit den „Ärzten“ stürmte die Polizei die Garderobe und unterbrach unser Interview zur Personalienfeststellung der Band. Das war 1987 in Regensburg. Grund war, dass sich die Band nicht an das Indizierungsverbot von „Geschwisterliebe“ gehalten und es trotzdem gespielt hatte.  Heute sehen „Die Ärzte“ das differenzierter, was sich auch in der Ausklammerung im Downloadservice spiegelt.

Wie die Geschichte damals weitergegangen ist, wäre eine Interviewfrage wert gewesen. Auch, wie sie ihre Rolle als Tagesschau-Promi-Sprachrohr für die Kulturschaffenden während Corona im Nachhinein einschätzen würden. Das Interview gab es leider im Vorfeld ihres Münchner Open-Air-Gigs im Olympiastadion nicht.

Live sind „Die Ärzte“ die netten großen Jungs von einst geblieben. Die Bühne ein elendig großer Sandkasten. Mit drei angejahrten Kids unter Strom, die irgendwie am liebsten quasseln und Witze reißen und das auch nicht nur aufgesetzt absolvieren. Helikopter-Mamas würden an ADHS denken. Fans, wenn vielfach auch mit ihnen älter geworden, zappeln begeistert mit, tauchen ein in die Gags und johlen, wenn Bela einen aus der Menge auf das Videoschild hebt, weil er es geschafft hat zehn Biere fast voll bis vor die Bühne zu jonglieren. Vor „Fiasko“ üben sie minutenlang mit dem Publikum ein „Huuh“ als Running-Gag-Antwort – wäre auch als Waldkindergartenspiel hinter Bäumen durchgegangen.  Sie könnten auch als Wortkabarettisten nach dem GEMA-Tarif abgerechnet werden. Fast! Wären da nicht die 40 Songs, die sie in über zweieinhalb Stunden über die Bühnenkante brettern. Chapeau!

Denn zwischendurch fällt ihnen dann doch wieder ein, dass sie ja eigentlich auch wie wieder den nächsten Song anstimmen könnten: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn…wusch“. Trotzdem zünden die aktuelleren Songs nicht mehr so wie früher. Müssen sie das? Muss man nicht auch Autoren zugestehen, dass sie nicht immer von einem Zenit zum nächsten Schlafwandeln? Die Jahre sind ins Land gezogen, um es mit den „Hosen“ zu kommentieren. Aber die buchstäbliche Spielfreude sprudelt noch aus jeder Sekunde der zweieinhalbstündigen Show.

Konstant geblieben ist über all die Zeit aber Ihr Engagement. Ein Einsatz, der schon immer Respekt verdient hatte. „Die Ärzte“ haben über alle die Jahrzehnte fasziniert, weil sie kompromisslos und non-konform gesellschaftlich relevante Positionen bezogen haben. Das Olympiastadion erklären sie vor „Doof“ zur sicheren Zone, weil es Nazi-frei sei. Sie appellieren daran, Hingefallenen wieder aufzuhelfen – nicht nur aus Sicherheitsgründen vor der Bühne. Irgendwie hat das auch was davon, der unsicheren Rentnerin über die Straße zu helfen. Nette Jungs halt!

Die „Antilopen Gang“ hatte bei über 30 Grad in der vollen Sonne einen brachialen Support-Job. Den aber erfüllten sie mit Bravour. Schwerarbeiter, die im Flow heftig schwitzten. Und wo „Stück Dreck“ ein eher subjektiver Höhepunkt war. Ebenso wie im eher getragenen Bereich das Stück „Enkeltrick“, das für mich eh zu einer der gesellschaftlichen Benchmarks zur Sensibilisierung von Perversität bei Kriminellen zählt.

Nachsatz: Bilder der „Ärzte“-Show gibt es nicht, weil auch die Lizenznachfrage nicht beantwortet wurde. Mit dem Internet halten es Farin & Co augenscheinlich wie Angela Merkel („Das Internet ist für uns alle Neuland“). 1987 kämpften sie bei unserem letzten Aufeinandertreffen mit der Indizierungsbürokratie. Jetzt sind sie bei der Bürokratie logischerweise rechtlich am längeren Hebel. Im Fotovertrag heißt es, dass eine Verbreitung der Bilder über das Internet (Online-Dienste) nicht gestattet sei. Andere Künstler sind in solchen Verträgen schon in der medialen Gegenwart angekommen. Muss man akzeptieren! Andere Künstler:innen erlauben Nutzungen in „Nachrichten-Formaten im Internet“ längst. Manche brauchen halt noch Zeit bei sehr überschaubaren 16.000 Livebesucher:innen.

Bernd Schweinar / www.allmusic.de

Antilopen Gang-Bilderstrecke hier
https://www.allmusic.de/bildergalerie/antilopen-gang


18. Mai 2022

ANTIS / Litauen:  Rückblick und Überraschung

Am 16./17. Mai 2022 waren bei der "Dialog.Pop"-Popkonferenz bei uns auf Schloss Alteglofsheim auch Speaker verschiedener Musikszenen von osteuropäischen Ländern anwesend. Mit Vaidas Stackevicius aus Litauen kam ich leider erst im Nachgang in den Dialog. Ich erzählte ihm, dass ich schon 1989 einen sehr beeindruckenden Auftritt einer Band namens ANTIS bei einem Festival in Bayern erleben durfte. Damals hatte ich backstage auch einen sehr interessanten Dialog mit deren Sänger Algirdas Kauspedas, der mit einer monströsen "Hollenmaschine" auf der Bühne die politischen Wirren um den siechenden Kommunismus in den Anfangsjahren von Glasnost visualisierte. Ich fragte Vaidas, ob es die Band ANTIS noch gäbe und er wüsste, was aus deren Sänger wurde.
Und Überraschung: Vaidas sagte, Du sprichst gerade zufällig mit dem Manager von Algirdas Kauspedas. Der habe seit 2018 eine neue spannende Band namens "KAnDIs". Und noch zufälliger treffe er ihn am gleichen Abend in Kaunas bei den Proben zu einem Auftritt ihm Rahmen von Veranstaltungen zur Kulturhauptstadt Europas. Davon hat er abends dann gleich noch ein Foto geschickt:

Und er hat ein paar Links zu aktuellen Produktionen geschickt, die Lust machen, mit der Kamera mal nach Litauen zu reisen und einen Gig zu fotografieren:

Das offizielle Video zu "Monteris" von "KAnDIs":
https://youtu.be/wwy6yuKSnBk
https://youtu.be/Lf7J_3S2XXw


12. Mai 2022

DIE ÄRZTE, am 16. Juni im Olympiastadion München - vor 35 Jahren beim Polizeiverhör an der Uni Regensburg
Das habe ich vor ziemlich genau 35 Jahren über "Die Ärzte" in der Mittelbayerischen Zeitung geschrieben, als die Polizei mitten in unser Interview platzte, um von den Musikern eine Personalienfeststelllung zu machen. Ich im linken Bild rechts von Farin sitzend, der Polizist links von Bela stehend. Ich hoffe, dass ich "Die Ärzte" demnächst in München nach so langer Zeit tatsächlich das erste Mal wieder live erleben kann.

(Grafik mit rechter Maustaste in neuem Tab öffnen und dann gerne auf lesbares Format  vergrößern!)


09. April 2022

dpa hat mich diese Woche zum bevorstehenden Festivalsommer interviewt.
Hier ein paar Mitnahmen:


31. März 2022

Kinga Glyk bei den Rother Bluestagen 2022Kinga Glyk bei den Rother Bluestagen 2022Kinga Glyk & Pawel Tomaszewski bei den Rother Bluestagen 2022Kinga Glyk bei den Rother Bluestagen 2022

STARKE SAITEN
King Glyk bei den "Rother Bluestagen"

Was für ein Klangerlebnis mit Kinga Glyk! Welch ein Konzertgenuss bei den „Rother Bluestagen“, die das Risiko eingegangen sind, frühzeitig für diese Pandemiephase zu planen. Respekt! Und viel Empathie auch für Kinga Glyk, die ihre Demut ausdrückte, nach ersten Auftaktgigs in Italien, wieder live vor Publikum stehen zu dürfen. Demut aber auch vor diesem Konzertprivileg, angesichts des Krieges in der Ukraine und der Millionen Geflüchteten auch in ihrem Heimatland Polen.

Die Fragilität der aktuellen Situation artikulierte sich am intensivsten zum Ende ihres Programms im Titel „Enu Maseti“, zu dem sie auch versucht das Publikum mit den Masken zum Mitsingen ich ihrer Fantasiesprache zu animieren. Das gelingt nicht ganz, aber die weltmusikalisch getragene Klangsprache trägt fort in sphärisches Wohlgefühl.

Bis dahin wechselte ein faszinierender Moment den anderen ab. Zwischen dem getragenen „Ballada“, wo sie von Produzent und Keyboarder Pawel Tomaszewski auf einem Tastenteppich emporgehoben wurde und dem von ihr als lautestes Stück des Abends angekündigtem „OverDrive“, brannte sie ein Feuerwerk an Intensität und Kreativität ab. Immer unterstützt auch von Drummer David „Hayden“ Coezy, der mit facettenreichen Schlagmustern und Grooves unaufdringlich aber immens wichtig den Weg bereitete.

Instrumentalmusik heißt nicht Emotionslosigkeit, heißt nicht Expressionslosigkeit. Die Mimik ihres Gesichtes ist Kinga Glyks Ersatzstimme. Die Kameralinse hat ein Bild eingefangen, wo ihre Griffhand auf dem Basshals ihr Gesicht zwischen den Fingern erkennen lässt. Alle drei bilden aber auch eine Symbiose in direkter Linie. Ihr Fazialisnerv ist die Verlängerung der Energie aus ihren Fingern zu den Gesichtsmusikeln. Jedes schwierige Griffmuster schlägt sich nieder in einer anderen Mimik, verstärkt dadurch jeden Ton, jeden Akkord. Kann ein Bild mehr ausdrücken?

Kinga Glyk ist in den letzten Jahren zum Medienprodukt geworden. Seit sie Claptons „Tears In Heaven“ mit einem Uptempo-Arrangment auf dem Bass intonierte, wurde der Clip im Netz millionenfach geklickt, haben sich TV- und Radiostationen um sie gerissen. Live ist sie aber sehr Mensch geblieben, hat sich diesem Hype nicht ergeben. In der Frühphase ihrer jungen Karriere saß noch ihr Vater am Schlagzeug, heute sorgt ihr Bruder Patrick als FOH-Mischer für den guten Sound. Und wenn sich Kinga Glyk dann mit ihrem Bass im Schneidersitz auf der Bühne niederlässt und in Klangwelten zu entschwinden scheint, dann ist das nur ein Synonym dafür, dass sie sich auf der Bühne zu Hause fühlt.

Bernd Schweinar / www.allmusic.de

Bilderstrecke Kinga Glyk

Weitere Links:
Website Kinga Glyk
Kinga Glyk @ Warner Music Germany
Rother Bluestage


06. März 2022

BACKSTAGE - Bildband über Herman Brood veröffentlicht
Auch mit Aufnahmen von Helmut Ölschlegel und Bernd Schweinar

Helmut Oelschlegel und ich durften auch ein paar Bilder zu einem 376 Seiten starken Bildband über den legendären Herman Brood beisteuern. Das Buch hat nach mühevoller Kleinarbeit und über viele Jahre voller Engagement Rob Kranenburg, Broods langjähriger (Licht-)Techniker publiziert. Helmut Oelschlegel war bei der Party zur Buchpräsentation mit vielen holländischen Ex-Musiker:innen und Crew-Members. Am 31. März konnte ich das sehr hochwertig produzierte Exemplar dann auch selbst in Händen halten. 

Das Buch ist zwar auf holländisch geschrieben, aber mit vielen tollen Bildeindrücken und kann unter dem nachfolgenden Link für 35 € bestellt werden:

16. Oktober 2021

Tieftaucherlebnis in Nostalgie und Disco-Fieber

Ex-„Bee Gees“-Gitarrist Vince Melouney im Interview / Musical “Massachusetts” auf Deutschlandtournee

„Bee Gees“, der Bandname der „Brothers Gibb“ zerfließt noch immer wie Honig. Auch Jahrzehnte nach dem Ableben von Maurice und Robin Gibb. Deren Gitarrist Vince Melouney ist als Teil der italienischen Musicalproduktion „Massachusetts“, die auch in der Saturn-Arena in Ingolstadt gastierte. Allmusic.de sprach mit Vince auf Vermittlung von Carla Olson und Jonathan Lea (Bandmitglied von Dave Davies/"Kinks") exklusiv.

Vince Melouney ist inzwischen 76 Jahre alt. Ein höflicher, sehr zurückhaltender, nobler Mensch, der uns Backstage in der Saturn-Arena von Ingolstadt gegenüber sitzt. Er war Gitarrist der ersten vier „Bee Gees“-Alben Ende der sechziger Jahre und ist auf vielen Welthits der Band zu hören. Beim Musical der süditalienischen Brüder Pasquale, Walter und Davide Egiziano ist Melouney noch bei fünf Songs dabei. Ebenso wie Blue Weaver, der langjährige Bandkeyboarder und einstige Architekt des Disco-Sounds der Gibbs. Beide sind aber nicht nur Alibi-Heroen, sie bereichern und faszinieren live, obgleich die Show vom fulminanten Gesang der Egizianos geprägt ist.

Wie kommt ein im englischen Summerset lebender Australier zu einer kalabresischen Musicalproduktion? Der Start war in der Tat etwas schwierig, antwortet Vince Melouney. Er sei gerade wieder in Australien gewesen, als Pasquale Egiziano anrief und ihm vom Musical erzählte und einen Gastauftritt anfragte. Man verabredete sich zu einer Show in Deutschland und seit 2016 ist er dort jetzt Mitglied. Seine Worte reflektieren wie wohl er sich dabei fühlt: „Jeder Abend ist anders. Die Show selbst ist für mich ein Knaller! Alle Beteiligten sind überaus professionell. Die Egiziano-Brüder sind hervorragende Sänger. Auch die Band spielt auf den Punkt. Nicht zu vergessen die Tänzerinnen und Tänzer. Alle sind mit Herzblut dabei, machen das nicht nur als Job. Eine liebenswerte Truppe.“

Vince Melouney kommt zweimal auf die Bühne: „Wir starten mit ‚New York Mining Disaster 1941‘ und ‚Holiday‘ in er ersten Hälfte“, erzählt er und fährt mit empathischem Unterton fort „Beim zweiten Set komme ich dann mit ‚In The Morning“ und wir finishen mit ‚Idea‘. Die Egiziano-Brüder singen dazu im Background.“

Das ist fast so, wie Anfang der sechziger Jahre als die „BGs“, tatsächlich den Harmoniegesang zu zwei Singles von Melouneys Band  beisteuerten: „Die Gibb Brothers lebten damals im australischen Hurstville und wir trafen uns im St. Claire Studio eines Freundes. Ich spielte Gitarre auf ein paar ihrer Songs und sie sangen auf zwei meiner Songs. Du kannst ihre Uuuhs und Aaahs gut hören. Das war noch bevor sie berühmt wurden. Die Leute sahen uns damals eher als kindische Teenieshow. Aber sie waren schon damals sehr gut, und der Harmoniegesang fantastisch.“

Er kommt auch nach Jahrzehnten immer noch ins Schwärmen wenn er an die goldenen Zeiten der „Bee Gees“ zurück denkt. Magische Momente? „Es gab zu viele!“. Am meisten war er beeindruckt von den Menschenmassen, vor denen sie damals gespielt haben.

Barry Gibb hat Melouney zuletzt 2004 bei einem Konzert in der beeindruckenden Hollywood Bowl von Los Angeles getroffen. Maurice ist 2003 und Robin 2012 verstorben. Aber in den fesselnden Stimmen der Egiziano-Brüder fühlt er ihre Aura immer noch um sich. Wenn Davide Egiziano „Saved By The Bell“ von Robin Gibb schmachtet, dann zerfließt nicht nur das Publikum. Ein zwar in die Jahre gekommenes Publikum, das aber insbesondere beim ausgiebigen Disco-Teil aus den siebziger Jahren fulminant mitzugehen weiß. Hier wird auch der zweite Ex-Begleitmusiker der „Bee Gees“ zu einem der Hauptacts, der Waliser Blue Weaver, der den Keyboardsound und Falsettgesang der „Night Fever“-Ära elementar prägte.

Der Tourauftakt in Ingolstadt ist die erste Show nach fast zwei Jahren. Sie haben vorher sechs Tage in Berlin geprobt und Corona hat auch ihnen allen böse mitgespielt. Melouney erzählt, dass er während der Corona-Pause viele Songs geschrieben und an anderen mitgewirkt habe. Kurz vor Pandemiebeginn war er noch in Los Angeles und hat mit der Band „Strangers In A Strange Land“ sowie dem Schlagzeuger Clem Burke von Blondie den alten Klassiker „Women“ der australischen Oldieheroen „Easybeats“ aufgenommen. Die „Strangers“ hätten ihn dann auch gebeten, bei der Aufnahme des „Bee Gees“-Songs „Ring My Bell“ mitzuwirken. Die Gitarre hat er dann während des Lockdowns daheim eingespielt und nach Amerika geschickt. Langweilig war ihm nicht. Sein Freund Jonathan Lea (Gitarrist u.a. für Dave Davies/Kinks, Carla Olson, Jigsaw Seen) habe auf Youtube einen alten Song von ihm wiedergefunden, den er 1969 für Ashton, Garner & Dyke und mit George Harrison als Gast produziert hatte („See The Sun In My Eyes“). Und auch den alten Robin Gibb-Titel „Come Some Christmas Eve Or Halloyween“ hat er mit Lea gerade neu produziert und soll bald erscheinen.

Vince Melouney ist immer noch umtriebig, auch wenn das Alter an ihm zehrt und er keine ganze Produktion mehr auf der Bühne schaffen würde. Aber seinen Part beim „Massachusetts“-Musical füllt er immer noch mit Hingabe aus. Und das Musical an sich ist ohnehin ein riesiges Erlebnis - für Musiker wie Publikum.

Bernd Schweinar

Die gesamte Bilderstrecke hier:
https://www.allmusic.de/bildergalerie/bee-gees-musical-massachusetts

Spezieller Dank auch an Resetproductions:
https://www.resetproduction.de/shows/massachusetts-bee-gees-musical/


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